Reportage, Dokumentation, Kunst

Beam Me Up, Scotty (Teil 3) (Nachtrag)

Die Reportage über meinen Tag im Europäischen Kernforschungszentrum und die Erschaffung neuer Teilchen tief unter dem Genfer See.

9 Uhr 11: Nach einer langen Nacht mit wenig Schlaf und einem Morgen voller Verspätungen betrete ich das Pressezentrum der Europäischen Organisation für Kernforschung. Tags zu vor erreichte mich ein Newsletter mit der Ankündigung, dass schon ab 7 Uhr morgens Teilchenkollisionen im LHC möglich seien. Komme ich etwa zu spät? Nein, nicht nur die Bahn hatte sich verspätet, auch die Protonenströme lassen sich noch ca vier Stunden Zeit bis zum Big Bang, erfahre ich beim Check-In. Zeit genug, um sich mit dem Gelände des riesigen Forschungskomplexes vertraut zu machen. Die Ortschaft Meyrin, bei der das exterritoriale Gebiet CERN liegt, befindet einige Busstationen ausserhalb von Genf. In der Alpenstadt mit dem idyllischem Seeblick haben sich neben dem CERN und superreichen Einwanderern auch andere internationale Organisationen wie die UNO, die WTO und die WHO niedergelassen. Die Labors und Büros des Teilchenbeschleunigers nehmen sich in dieser Umgebung aus wie eine technische Universität mit Sicherheitskontrollen und überholter rostiger Architektur.

Jäh muss ich an einige Zeilen aus Dan Browns Roman „Illuminati“ denken. Dessen Protaugonist Robert Langdon befindet sich in einem der ersten Kapitel an eben dieser Stelle. Von hypermoderner, transparenter Architektur ist die Rede, die den Wissenschaftler Langdon fasziniert. Doch was sich hier in mehreren Quadratkilometern in vielen niedrigen Zweckbauten im Stil des Retrofuturismus der 70er und 80er Jahre erstreckt, ist eher ernüchternd als ansehnlich.

Eine wissenschaftliche Erklärung für die Verspätung des heutigen Starts erhalte ich einige Kilometer weiter, in Frankreich, wo sich der Detektorkomplex des ALICE-Experiments befindet. Der unterirdische Ring, an dem diese Einrichtungen hängen, erstreckt sich tatsächlich über mehrere Länder und verläuft sogar unterhalb des Genfer Sees. Jan Rak, ein tschechischer Physiker und Mitarbeiter bei ALICE führt die vorliegende Störung auf ein Problem mit dem so genannten Quench Protection System zurück – eine Sicherung gegen Temperaturüberschreitung und Leistungsabfall. „Es wurde nach dem Zwischenfall entwickelt, den wir 2008 hatten, als ein Teil des Beschleunigers defekt war und die supraleitenden Magnete überhitzten.“ Dieses System sei an allen Magneten entlang des Rings installiert worden, reagiere aber etwas übersensibel und habe unnötiger Weise eine Sicherungsabschaltung ausgelöst. Nun sei wieder alles unter Kontrolle und der Protonenstrahl „in ein bis zwei Stunden nach dem Mittagessen wieder da.“ Zum Nachtisch gibt es also Ursuppe mit Protonenstücken und einer Prise Antimaterie.

Die ALICE-Kontrollräume mit ihren vielen dutzend Monitorgruppen, Messinstrumenten und dem Fachpersonal lassen eine kaum überschaubare Komplexität vermuten. Und bei dieser Station handelt es sich noch um eine der kleineren Einrichtungen. Ein Knotenpunkt, der als Teil eines internationalen Projektes mit schweizerischer Zentrale in Frankreich liegt – und ich höre fast nur deutsch um mich herum. Herr Rak ist praktisch der einzige Nichtdeutsche. Ein Verhältnis, das täuscht. „ Die Anteile an Nationalitäten hängen davon ab, welche Forschungseinrichtungen sich daran beteiligen“, meint der Frankfurter Physikstudent Jochen Till, der hier als technischer Koordinator arbeitet. „Eigentlich sind wir nur ungefähr 30% Deutsche und aber auch 30% Italiener. Das so immens viel deutsch gesprochen wird, liegt daran, dass in diesem Raum viele deutsche Gruppen arbeiten. Wenn du jetzt im Raum neben an wärest, würdest du sehr viel italienisch hören.“

Im Bus zurück ins Pressezentrum unterhalte ich mich mit dem ZDF-Moderator Andreas Linke. Auch er hat an diesem Tag vergleichsweise entspannte Produktionsbedingungen und schildert mir eine interessante Sicht auf das First-Physics-Event. Dieses sei in erster Linie ein Aushängetag für die Presse. „ Wir von der Presse wollen natürlich beim ersten Mal dabei sein, aber stellen dann fest, dass wir zwar darüber berichten, aber noch keine Ergebnisse haben. Wenn man hier als Journalist herumläuft, sagt man sich dann auch: In aller Ruhe in einigen Wochen wieder herkommen ist vielleicht interessanter, als nur den hektischen ersten Tag zu begleiten.“


11 Uhr 43. Die Sonne kommt wieder zum Vorschein. Über die grosse Leinwand im Pressezentrum läuft ein Livestream, in dem verkündet wird, dass die Protonen im LHC nun in den Startlöchern stehen und der Testlauf beginnen kann. 
Eine halbe Stunde später ist CERN-Generaldirektor Rolf Heuer aus Japan zugeschaltet. In Gedanken sei er jedoch in Genf und verbreitet gesunden Optimismus. Man habe aus 2008 gelernt und die Zusammenschaltung vom LHC mit dem Einspeisungsring SPS verbessert. Auch er betont den Erlebniswert des heutigen Tages für uns Journalisten. Das einzige Risiko, das bestehe, sei die Beschädigung der Maschine und die Entdeckung von etwas neuem. 

Nur noch wenige Minuten bis zum Höhepunkt des Tages. Man rät allen Interessierten, sich nun in die Kontrollräume des ATLAS oder des CMS zu begeben. Dies seien die Orte, an denen man sein sollte, sollte der Lauf erfolgreich sein.
12 Uhr 50. CMS-Kontrollzentrum. Von 200 akkreditierten Journalisten sind nur die Hälfte nach Genf gekommen, doch diese scheint sich hier versammelt zu haben. Ich sehe tatsächlich eine Frau, die sich bekreuzigt. CERN-Kritiker haben in den vergangenen Monaten beim deutschen Bundesverfassungsgericht und am Europäischen Gerichtshof Anklage erhoben. Im LHC könnte ein schwarzes Loch entstehen, dass das Universum in sich verschlingen würde war ihr Vorwurf. Die Klage wurde aufgrund mangelnder Beweise abgewiesen. Wissenschaftler sind der Ansicht, dass eventuelle schwarze Löcher nur von mikroskopischer Größe und extrem kurzer Existenz sein würden. Doch dies scheint die Dame nicht  sehr zu beruhigen. 
Der mittelgrosse Raum ist zweigeteilt – in vielerlei Hinsicht. Barrikaden trennen eine Schar Wissenschaftler und Techniker, die eifrig die Statistiken auf Ihren Rechnern verfolgen, von einer Horde Journalisten, die versuchen aus dem Geschehen schlau zu werden. Während das Personal teils mit kindlicher Aufregung den Status der Messungen aktualisiert, hämmern Reporter gedrängt in ihre Laptoptasten, suchen verzweifelt nach Interviewpartnern oder fragen zur anderen Seite des Raumes hinüber, wann es denn endlich soweit sei. Dann ist es endlich soweit.

13 Uhr 06. Das Getummel der Physiker wird lauter und bricht plötzlich in Applaus aus. Die Freude und Erleichterung steht ihnen ins Gesicht geschrieben, als ganz offensichtlich die erste Teilchenkollision mit 7 Teraelektronvolt vollbracht ist. Im gleichen Masse wächst die Anspannung unter manchen Journalisten. Für sie heisst es, möglichst rasch an Bilder, O-Töne und Fakten zu kommen um diese möglichst als Erster um die Welt zu schicken. Zur nervlichen Unterstützung wird Sekt in Plastikbechern verteilt. 
Einer der Experten, der sich nunmehr von Mikrofonen und Kameras umgeben sieht, ist Vivek Scharma. Der indische Teilchenphysiker hat einen Lehrstuhl an der University of California in San Diego und ist Leiter der internationalen Higgs-Gruppe am CMS-Experiment. Er trägt einen College-Pulli und hat den freundlich-jugendlichen Blick eines begeisterten Studenten. Seid mehr als 16 Jahren befasst er sich bereits mit der Suche nach dem „Gottpartikel“.
„Wenn mehr Energie in diese Kollisionen mit einfliesst, dann werden die daraus hervorgehenden Partikel auch mehr Phänomene und Manifestationen entsprechend des Einsteinschen e=mc^2 produzieren können.

Je mehr Energie du hineinpumpst, desto grösser ist die Masse von neuen Objekten, die sich dir erschliesst. Dazu gehören das supersymmetrische Partikel, dunkle Materie oder sogar ein Higgs-Boson. Bei 14 TeV wird der Zugang zu ihnen viel leichter sein als jetzt.“ Ob er optimistisch sei? „Sehr! Dies ist der Beginn eine neuen Ära in der Teilchenphysik!“ Schon zu seinen Unizeiten haben alle gesagt, dass es diese Higgs-Boson geben müsste, ohne dass man es hätte beweisen können. Doch hier sei nun die Maschine und Theorie treffe Realität. 
Wenn in Medienberichten über den LHC von der Reise zum Anfang des Universum die Rede war, ging es in erster Linie um dieses Gottteilchen, als welches das Higgs-Boson oft bezeichnet wird. Doch dessen Nachweis geschweige denn Erforschung steht im wahrsten Sinne des Wortes noch in den Sternen. „Das Higgs-Boson zu finden ist, als wenn mir jemand sagen würde, ich müsse jemand bestimmtes finden, der ein pinkes Top und schwarze Hosen trägt. Ich habe nur eine eingeschränkte Beschreibung, Masse unbekannt. Also haben wir nur eine sehr wage Vorstellung davon, wie das Higgs-Boson aussieht“. Entweder sei Higgs letztendlich da oder eben nicht. Selbst wenn es gar nicht existiere, sei dies fantastisch für Menschen wie ihn, die Theorie nicht mitgestaltet hätten – im Gegensatz zu ein paar sehr alten Nobelpreisträgern. „Jüngere Leute wie ich wären sogar sehr glücklich, wenn wir Higgs überhaupt nicht finden würden, weil es das gegenwärtige Paradigma vollkommen umwerfen würde! Nichts wäre wundervoller als das!“ Enthusiastische Worte wie von einem Mitglied einer Studentenbewegung. Ein Anzeichen dafür, wie viel Pioniergeist hinter diesem gesamten Projekt steht.

Auch anderen Wissenschaftlern ist anzumerken, dass dieser Tag nicht nur der Presse gehört, sondern auch für sie viel hergibt. Oliver Buchmüller ist ein ehemaliger CERNianer und arbeitet am Imperial College in London. Ein hochgewachsener Mann im Anzug, der mit seiner langen blonden Mähne nicht so recht in das Klischee des introvertierten Physikers passen will. Aber er spricht für die CERN-Belegschaft, wenn er sagt, die heutigen Erhebungen seien „ nicht nur Publicity-Daten, sondern auch wirklich ganz wertvolle Daten, die wir in den nächsten zwei, drei Tagen auswerten werden. Sie werden die Basis sein für die nächste Datennahme, die jetzt anlaufen wird. Dann wird es noch zwei, drei Wochen dauern, bis wir das System so weit verstanden haben, dass wir anfangen können, zu hohen Luminositäten zu gehen, also zu höheren Strahlenintensitäten.“ Die ersten Ergebnisse seien in wenigen Monaten zu erwarten. 
„In den kommenden Jahren werden wir zu diesem Tag zurückblicken können um ihn als einen der wichtigsten Moment in Erinnerung zu rufen. Aber wir haben noch viel Arbeit vor uns“, kommt es von dem Mann, der hier im Mittelpunkt steht: Guido Tonelli, Sprecher des CMS. Als Chef einer Kollaboration von 3600 Wissenschaftlern war der Italiener am Erfolg des heutigen Starts massgeblich beteiligt.

Auf der anschliessenden Pressekonferenz fliessen rhetorische Tränen. Die Vertreter die vier LHC-Experimente, sowie der Beschleuniger- und Technologiedirektor Steve Myers, IT-Chef David Foster und Chefphysiker Philippe Bloch geben sich teils strahlend, teils erfüllt von Genugtuung. Auch Generaldirektor Heuer ist die freudige Anspannung via Internetstream anzumerken. Er hat mittlerweile ein Flasche Rotwein geöffnet.
Auf der Leinwand erscheinen die bunten grafischen Darstellungen der Teilchenkollisionen. Photonen, Elektronen, Muonen, Neutronen, Protonen und Neutrinos zeichnen sich als gebogene Linien ab, die durch die Kollision in alle Richtung nach außen explodieren. Ein Ereigniss, dass nun 50 mal in der Sekunde in allen vier Detektoren registriert werde. Keine Neuigkeit, doch beim heute erreichten Energieniveau sind diese Bahnen länger, dichter und komplexer als je zuvor. Der Schlüssel zu den erhofften Erkenntnissen liegt in der Erforschung des Verhaltens und der Eigenschaften der Teilchen, die diese Bahnen zurücklegen.
Fabiola Gianotti, ATLAS-Sprecherin, stand im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, als im Herbst 2009 die erste erfolgreiche Kollision nach der Reparatur registriert wurde. Doch für diesen Moment hat sie „keine Rede vorbereitet“, weil sie „sprachlos“ ist. Ihr bedeutet am meisten, dass mit diesem Tag die Ära der Konstruktion schliesse und eine neue, fantastische Ära der physikalischen Entdeckungen anbreche.

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  1. Pingback: Marcel Durchholz

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