Beam Me Up, Scotty (Teil 1) (Nachtrag)
Mehr als 1 Milliarde Franken Jahresbudget, über 8000 Gastwissenschaftler aus 85 Ländern und nicht weniger als 3400 Mitarbeiter in einer Organisation, die aus 20 EU-Mitgliedsstaaten besteht. Alles zu einem Zweck: Die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Gemessen am erhofften Nutzen ist der LHC-Teilchenbeschleuniger im Genfer CERN das wichtigste wissenschaftliche Instrument aller Zeiten, ja sogar die wichtigste Erfindung überhaupt. Nüchtern betrachtet ist das ganze viel Lärm um vielleicht nichts. Schliesslich gibt es keinen Garantieanspruch auf wissenschaftliche Revolutionen – nicht zu Frieden mit Ihrem Teilchenbeschleuniger? Geld zurück? Nein! Selbst Waschmaschinen haben nur 2 Jahre Gewährleistung. Und diese Waschmaschine hat eine Trommel mit 27 Kilometer Umfang und schleudert mit Lichtgeschwindigkeit. Ob sich die Investition gelohnt hat, weiss man erst nachher. In dieser Hinsicht hat der LHC tatsächlich Ähnlichkeit mit einer Waschmaschine.
Die Frage die sich uns dabei wiederum stellt ist: Wozu dieser Aufwand? Die Neugier nach dem Ursprung des Universums ist philosophischer Natur und wurde zumeist durch kostenloses Nachdenken verfolgt. Nur hat die moderne Wissenschaft den Spagat zwischen Physik und Metaphysik gemeistert und wird dabei von der Politik unterstützt. Moderne Philosophie kann also zu Lasten des Steuerzahlers gehen. Wenn man sich also nicht für den Urknall interessiert, dann sollte zumindest das Geld ein Grund sein, sich von diesem Jahrtausendprojekt angesprochen zu fühlen.
Das Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire wurde 1954 zur Erforschung der Atomenergie gegründet. 1957 erfolgte der Bau des ersten von vielen Teilchenbeschleunigern, die die Arbeit der Einrichtung nachhaltig auf ein eher abstrakt wissenschaftliches Gebiet spezialisieren sollte, nicht auf die praktische Nutzung der Kernenergie. Der Large Hadron Collider (LHC) wurde 1993 in Auftrag gegeben und ab 1999 gebaut. Er befindet sich im gleichen 27 km langen un mehr als 100 m tief unter der Erde liegenden Tunnel wie sein vorgänger LEP.
Der Bau kostete 5 Milliarden Franken, was wie das gesamte CERN von den beteiligten EU-Ländern proportional finanziert wird. 1624 Elektromagnete halten und leiten die Hadronenstrahlen. Sie werden auf -271,3° Celsius gekühlt und umgeben die fast luftleeren Strahlröhren, in denen bei einer Kollision das 100000fache der Temperatur des Kerns der Sonne ensteht. Der kälteste, der heissete und der leerste Raum im Universum unmittelbar nebeneinander. Die vier Detektorstationen, an denen Experimente über die Teilchenkollisionen stattfinden heissen ATLAS (nach einer Figur aus der griechischen Mythologie, CMS (Compact Muon Solenoid), ALICE ( A Large Ion Collider Experiment) und LHCb (Large Hadron Collider beauty). Noch gebaut werden die Stationen LHCf und TOTEM. Jeder dieser Detektoren verschlingt mehrer hundert Millionen Franken im Bau, ist von den Dimensionen kleiner U-Boote und wiegt mehrere Tausend Tonnen. Es handelt sich um die durchdachtesten technischen Messinstrumente, die es gibt und liefern Ihre Daten an das wohl komplexeste nicht-öffentliche Computernetzwerk der Welt, das LCG. Zusammengerechnet verfügt es über ein Datenvolumen von 100 Petabyte. Das ist mehr als YouTube. Nun da der LHC erfolgreich läuft, werden jedes Jahr 15 Petabyte hinzukommen.
